Worauf es letztlich ankommt
“Wir bekämpfen das „Böse“ nicht, indem wir blind für all
das Gute sind, was sich uns im Alltag zeigt.“
(Roland Rottenfußer)
Dankbarkeit ist mehr als eine naive Form der Anpassung an die Realität. Sie ist die Grundlage dafür, im Leben Glück erleben zu können. Ein Denker, der Dankbarkeit zu seinem Lebensthema gemacht hat, ist der fast hundert Jahre alte Benediktinermönch David Steindl-Rast. Er schrieb: „Nicht das Glück macht uns dankbar, sondern die Dankbarkeit macht uns glücklich.“ Politisch kritische Menschen entwickeln da leicht eine Abwehrhandlung: Lähmt Dankbarkeit nicht unseren revolutionären Elan und spielt sie nicht jenen in die Hände, die vom menschenfeindlichen Status quo profitieren? Der Autor empfiehlt hier, zu differenzieren. Wir schaffen nicht unbedingt eine bessere Welt, indem wir zulassen, dass sich unser Seelenzustand mehr und mehr verschlechtert. Merz, Trump oder Netanjahu werden von ihrem destruktiven Tun nicht ablassen, weil wir — in düstere Grübelei versunken — die Vogelstimmen draußen überhören. Wir müssen nicht dankbar sein für das Unglück, aber wir können dankbar sein im Unglück und so unseren Geist ein Stück weit unabhängig machen von all den auch politisch inszenierten Katastrophen. Infolgedessen ist zwar nicht „alles gut“; aber wir spinnen das Stroh der Zumutungen des Lebens zum Gold eines ausgeglichenen, liebevollen Gemüts.
Eine Sache als bemerkenswert und somit nicht mehr als selbstverständlich zu empfinden — das wäre geradezu ein „Rezept“ für Zufriedenheit. Sollte man Dankbarkeit also nicht kultivieren und sie zu einer ständigen Lebenshaltung machen, anstatt sie seltenen Ausnahmesituationen zu überlassen? Einer, der sein Leben lang über Dankbarkeit nachgedacht und sie auch praktiziert hat, ist eben dieser Benediktiner-Mönch, der am 12 Juli 2026 hundert Jahre alt wird. Ich kann nicht sagen, ob Steindl-Rast alles, was er „predigt“, in der Realität einlösen kann. Wann immer ich ihn aber vor der Kamera beobachte, scheint Bruder David von einem stillen Glück durchdrungen zu sein. Zumindest strahlt er Ausgeglichenheit und Zufriedenheit aus. Bei einem Interview, das er dem Kanal „Greatful Living“ gab, fragte ihn der Moderator: „Wofür sind Sie persönlich denn dankbar?“ Darauf David Steindl-Rast:
„Augenblick für Augenblick für was immer kommt. Jetzt im Augenblick bin ich dafür dankbar, dass wir miteinander sprechen können, dass ich einen interessanten Gesprächspartner habe, dass wir an einem so wunderschönen hölzernen Tisch sitzen, dass wir reines Wasser haben, das man trinken kann — ich reise manchmal in Länder, wo man das Wasser nicht trinken kann oder überhaupt kein Wasser findet —, für alles, was immer der gegenwärtige Augenblick bringt. Nur atmen zu können …!“ Dankbar zu sein für den Tisch, an dem man sitzt, für einen Schluck klaren Wassers oder für den Atemzug, den man gerade nimmt — das geht noch über die Bewunderung für die Apfelblüte hinaus, die ja nicht zu jeder Jahreszeit präsent ist.
David Steindl-Rast hat dem Thema ein ganzes Buch gewidmet: „Dankbarkeit. Das Herz allen Betens.“ Es bietet auch Menschen, die nicht von der Existenz (eines) Gottes ausgehen, reichlich Anregungen für Lebenskunst. Eine Schlüsselqualifikation, um glücklich zu werden, ist demnach das Staunen.
Der Weg des Staunens
„Mehr und mehr Menschen sehnen sich nach einer neuen Art, die Dinge zu betrachten. Wenn sie den Weg des Staunens finden, dann wendet sich die Not, ungeahnte Welten öffnen sich.“ Er fährt fort: „Unsere Augen öffnen sich diesem Überraschungscharakter unserer Welt im gleichen Moment, da wir aufwachen und aufhören, alles als selbstverständlich zu erachten.“ Als Beispiel nennt Steindl-Rast eine Pflanze, die im Jahreszyklus noch früher erscheint als die Apfelblüte und so symbolisch für die Überwindung der Kälte und Farbarmut steht: „Eine einzige Krokusblüte sollte genügen, um unser Herz davon zu überzeugen, dass der Frühling — gleich wie vorhersagbar er sein mag — irgendwie ein Geschenk ist, unentgeltlich, gratis, eine Gnade.“ Entscheidend ist dabei, dass man nicht nur das „Sensationelle“ wertzuschätzen weiß, sondern auch das sich zuverlässig Wiederholende, welches gerade dadurch unserem Leben ein Gesicht verleiht. Krokusse, die ab Februar schon in Goldgelb, Weiß oder Dunkellila erscheinen, sind Pioniere, die sich in einer noch unwirtlichen Umgebung behaupten müssen. Häufig werden sie von spätem Frischschnee bedeckt, entwickeln dann aber eine Eigenwärme, die ihnen hilft, zu überdauern, während der Schnee abtaut. Krokusse symbolisieren somit auch jene Menschen, die sich vorwitzig hervorwagen, auch wenn ihnen die Zeitstimmung noch „feindlich“ gesonnen scheint. „Wir können lernen, unseren Sinn für Überraschungen nicht nur durch das Außergewöhnliche anklingen zu lassen, sondern vor allem durch einen frischen Blick für das ganz Alltägliche. ‚Natur ist niemals verbraucht‘, sagt Gerard Manley Hopkins und preist Gottes Größe. ‚Ganz tief in den Dingen lebt eine köstliche Frische.‘“ (David Steindl-Rast)
Die Unfähigkeit, sich als Beschenkter zu erkennen
So David Steindl-Rast in seinem Buch. Er sieht den Menschen im Wechselspiel mit der Welt nicht als den „Macher“, sondern im Gegenteil als den Empfänger, den Beschenkten. „Aufgeweckt durch Überraschung können wir entdecken, dass das, was wir eine ‚gegebene‘ Welt nennen, wirklich gegeben ist. Denn wir haben sie weder gemacht noch verdient.“ So enthüllen Formulierungen, die wir meist eher unachtsam verwenden, einen philosophischen Sinn: „Eine gegebene Situation.“ Die Frage, ob wir die Welt „verdienen“ — oder sogar eine bessere —, ist eine moralische und schwer zu beantworten.
Was davor war, kann man als „Gottes Schöpfung“ verstehen oder auch nur als Gabe „der Natur“, als ein unseren Bedürfnissen entgegenkommendes Resultat des letztlich unbegreiflichen „So-Seins“ des Universums. Zugleich mit dem Essenden hat die Erde Essbares hervorgebracht, zugleich mit dem Hunger Sättigendes, zugleich mit dem für Schönheit Empfänglichen entstand Schönheit.
„Wenn unser dankendes Empfangen sich der gegebenen Welt völlig öffnet, dann sind wir plötzlich eins. Wir antworten vom Herzen her, von jener Mitte, wo Einheit und Einigkeit walten.“
Segnen, nicht zurückweisen!
So gesehen wird das menschliche Herz sogar zu einer Art Endzweck der Evolution umgedeutet. Alles läuft darauf hinaus, dass sich das Universum durch das hoch entwickelte Auge und Empfindungsvermögen des Menschen selbst erkennen kann. Und mehr noch: sich lieben kann. Dabei sieht der Benediktiner-Mönch das geschmäcklerische Auswählen — „dies mag ich, jenes nicht“ — als Hindernis auf dem Weg zur vollständigen Erfüllung unseres Daseins. „Das menschliche Herz wurde zum allumfassenden Lobpreisen und Rühmen geschaffen. Solange wir auswählen und zurückweisen und unser Lob von unserer Billigung abhängig machen, kommt unsere Antwort nur aus halbem Herzen. Unser Herz als Ganzes aber ist mit der ganzen Wirklichkeit in Einklang. Und Wirklichkeit verdient unser Lob. Mit klarem Blick erkennt das Herz den letztendlichen Sinn von allem: Segen. Und mit klarem Entschluss antwortet das Herz mit dem letztendlichen Lebenszweck: Danken, preisen, segnen.“ Dies dürfte für irreligiöse Menschen gewöhnungsbedürftig sein. Auch erhebt sich da bei politisch Denkenden die misstrauische Frage, ob wir denn zu allen „Ja und Amen“ sagen sollen — von der Corona-Maske bis zur Kampfdrohne. „Danken, preisen und segnen“ als Antwort auf die Gräuel der Kriege und die oft unfassbaren Leiden vieler Menschen? Ich komme auf diesen dunklen Aspekt später noch zurück.
Ein „trotzdem“ schönes Leben
David Steindl-Rast entwickelte seine Spiritualität der Dankbarkeit jedenfalls nicht aus der Erfahrung eines rundweg reibungslos verlaufenden Lebens heraus. Er verbrachte seine Kindheit in den österreichischen Alpen und entwickelte so schon früh eine große Naturverbundenheit.
Er lernte, das Göttliche im Alltäglichen wahrzunehmen, also quasi das Größte im Kleinsten. Dies half ihm, ein bescheidenes Glück auch ohne „spektakuläre“ Erfahrungen zu empfinden, die erfahrungsgemäß ja nicht von Dauer sind. Steindl-Rast erlebte den Zweiten Weltkrieg — als Österreich von Hitler „angeschlossen“ wurde, war er 12 Jahre alt — als Zeit der Bewährung unter den Bedingungen des Mangels und der Verfolgung. Er schloss sich dem „Do-Kreis“, einer gewaltfreien Widerstandsgruppe um Pater A. Dolezal, an. Immer wieder erfuhr er mit Hilfe seiner offenbar sehr „resilienten“ Mutter, wie man den Lebensmut auch unter widrigen Umständen nicht verliert, und entwickelte Dankbarkeit für „kleine“ Erleichterungen des Alltags, etwa eine gute, einfache Mahlzeit. 1944 wurde er zur Wehrmacht einberufen, desertierte jedoch nach einem Jahr und tauchte bis Kriegsende unter. Danach betreute er unter anderem sudetendeutsche Flüchtlinge. 1952 emigrierte David Steindl-Rast in die USA und trat bald darauf in das benediktinische Reformkloster Mount Saviour in Elmira im Staat New York ein. 12 Jahre lang lebte er in klösterlicher Abgeschiedenheit, studierte nebenher Theologie und Philosophie.
„Das Leben in all seiner Fülle“
1965 wurde Bruder David von seinem Abt zum Beauftragten für den interreligiösen Dialog zwischen Christentum und Buddhismus ernannt. Er praktiziert seither die Zen-Meditation. Damit wird sein Lebensthema sichtbar: die Synthese aus zwei Welten, die auf den ersten Blick unvereinbar sind. Der Buddhismus ist nach oberflächlicher Lesart eine „Religion ohne Gott“, während das Christentum dessen Existenz zur Glaubensgrundlage hat. Während das Christentum das Grundgefühl einer gütigen Präsenz „hinter“ den Dingen zu vermitteln weiß, schult der Zen-Buddhismus die Achtsamkeit für den gegenwärtigen Augenblick, ohne sich in metaphysischen Spekulationen über eine „Schöpferpersönlichkeit“ zu ergehen.
Das Leben erscheint im Buddhismus zwar als leidbehaftet, jedoch im Sinne radikaler Unvollkommenheit, Flüchtigkeit und Vulnerabilität. Dem lässt sich durch dankbares Wahrnehmen und Annehmen dessen begegnen, was „trotzdem“ an beglückenden Erfahrungen möglich ist.
Die Vergänglichkeit jeden Glücks wird durch Dankbarkeitsschulung nicht mehr als Wermutstropfen wahrgenommen, sondern als etwas, das dem Augenblick eine Qualität konzentrierter Kostbarkeit verleiht.
Als Summe von David Steindl-Rasts Lebensphilosophie, die sich offenbar in der Praxis bewährt hat, kann dieser Satz dienen: „Was Erfüllung bringt, ist Dankbarkeit, die einfache Antwort des Herzens auf dieses uns gegebene Leben in all seiner Fülle.“ Damit ist Dankbarkeit auch ohne die Annahme eines persönlichen „Schenkers“ möglich und sinnvoll.
In diesem Sinn ist eine Philosophie der Dankbarkeit nicht feige Systemanpassung, sondern Widerstand. Wer sie sich angeeignet hat, richtet seinen Gemütszustand nicht automatisch danach aus, wie ihn die Feinde haben wollen. Er lässt sich nicht von Trauer und Verzweiflung überwältigen, wo sie dies zu erzwingen versuchen. Er wird seinen Werten im Tiefsten nicht untreu, obwohl sie ihn von diesen zu entfremden versuchen. Und er erliegt vor allem nicht den Verlockungen des Hasses. Auch die Weigerung, zu hassen, ist Widerstand. Wem das gelingt, der kann seinem Gegner den Sieg entreißen. Einfach, indem er sich sträubt, zu einem Teil der dunklen Welt zu werden, die diese bewohnen. David Steindl-Rast sagt:
„Dankbare Menschen sind unlesbar für die Machthaber, weil sie sich nicht durch Angst erpressen lassen. Sie leisten Widerstand, indem sie sich weigern, das Spiel des Hasses mitzuspielen.
Roland Rottenfußer, www.manova.news,
www.bibliothek-david-steindl-rast.ch