Schwere Geburt

von | Feb 8, 2022 | 2022, Artikel

Die Ereignisse spitzen sich zu. Immer enger wird es um uns herum. Längst ist es aus mit der alten Gemütlichkeit. Von allen Seiten drückt und schiebt es. Es ist, als ob uns unser bisheriges Leben zu klein geworden ist. Das alte Gewand passt nicht mehr. Wir streben hin zu einem neuen Lebensraum, von dem wir nur ahnen können, dass er existiert. Der Philosoph Charles Eisenstein macht Hoffnung, dass wir den Geburtsprozess lebend überstehen.

In den vergangenen Jahren ist die Menschheit in die letzte Etappe eines Geburtsprozesses übergegangen. Ich stütze mich hierbei auf Stanislav Grofs Konzept der perinatalen Matrizen, eine vierstufige Beschreibung der Psychodynamik der Geburt.

Phase eins ist die uterine Glückseligkeit. Die Gebärmutter versorgt den Fötus mit allem, was er braucht. Er wächst ohne Begrenzung, Kampf oder Anstrengung heran. Zwar kann mütterlicher Stress den Fötus beeinträchtigen, aber die Natur tut ihr Bestes, um ihn vor ernsthaften Traumata zu bewahren.

Phase eins geht in Phase zwei über, wenn das Baby gegen die Grenzen des Mutterleibs wächst und die Wehen einsetzen. Das Paradies wird zur Hölle, wenn der Druck zunimmt und es keinen Ausweg zu geben scheint. Es ist die Hölle des No Exit. Die Situation wird zunehmend unerträglich. Subjektiv fühlt sie sich so an, als müsse sie ewig andauern. Die Existenz ist zu Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung geworden. Sie sind die Kennzeichen dieses Stadiums.

Phase drei beginnt, wenn sich der Gebärmutterhals öffnet und das Baby den Weg durch den Geburtskanal antritt. Die Wehen, das Pressen und Schieben verstärken sich, doch da ein Ausweg in Sicht ist, ist diese Phase normalerweise weniger höllisch als die vorherige, auch wenn sie Mutter und Kind alle Ressourcen abverlangt.

Phase vier ist der Aufbruch in eine neue Welt. Es gibt keinen Weg zurück. Eine tiefe Trennung hat stattgefunden. Doch zumindest in der traditionellen Geburtspraxis wird der Säugling wieder mit der Mutter vereint, wenn sie ihn an ihre Brust nimmt. Das Baby ist nun ein Mitglied der Gesellschaft. Eine neue Entwicklungsphase beginnt.

Überträgt man dieses Schema auf die menschliche Zivilisation, so entspricht die erste Phase der langen exponentiellen Wachstumskurve der menschlichen Gesellschaft, die die enormen Reichtümer von Mutter Natur ohne erkennbare Begrenzung verbrauchte. Selbst wenn die Ressourcen an einem Ort erschöpft waren, gab es immer noch Neuland, Mineralien, Wälder und Kulturen, die ausgebeutet werden konnten. Diese Expansion verbrauchte nicht nur alle natürlichen Ressourcen, sondern auch die Wildheit in uns selbst.

Die alten Geschenkkulturen wurden durch Geld und Märkte kolonisiert. Traditionelle Muster sozialer Organisation wurden durch Gesetze, Polizei und Regierungen ersetzt, volkstümliche Architektur durch Bauvorschriften, Volksmedizin durch Pharmazeutika, Hebammenkunst durch Geburtshilfe, gewachsene Gemeinschaften durch künstliche Wohnsiedlungen, Singkreise durch MP3-Downloads, Volksmärchen am Kamin durch YouTube-Videos, Königreiche der Kindheit durch die Regeln der Schulbildung, mündliche durch schriftliche Kultur, ortsspezifisches Wissen durch universelle Formeln.

Wenn sich der Gebärmutterhals öffnet, lassen die Kontraktionen nicht nach, sondern verstärken sich. Die Kontraktionen können die Form eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs, von Naturkatastrophen, politischen Unruhen oder sozialen Konflikten annehmen. Alte Gewissheiten, die Generationen oder sogar Jahrhunderte überdauert haben, werden sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit auflösen.

Die „neue Brise“, die sich regt, hat sich in einen Sturm verwandelt. Die Wolken sind nicht mehr nur am Horizont zu sehen. Wir hören das Donnergrollen vor der Sintflut: Unterbrechungen der Versorgungskette, Waldbrände, Überschwemmungen und Dürren, Unruhen, Zusammenbruch der Verkehrssysteme, Internet- und Stromausfälle, politischer Extremismus, beschleunigte Inflation und so weiter.

Während der meisten Zeit meines Lebens schien auf nationaler und globaler Ebene jedes Jahr so zu sein wie das vorangegangene, eine Aneinanderreihung vorhersehbarer Verschlechterungen. Das ändert sich jetzt. Das Jahr 2020 war die Wende. Die Normalität wird nicht zurückkehren. Nach jeder Wehe werden wir vielleicht ein wenig zurückfallen, aber nie ganz. Jede Krise wird uns in neue Bereiche führen. Das bedeutet nicht, dass sich die Weltlage allmählich verbessern wird — ganz im Gegenteil. Sie wird sich mit jeder Wehe verschärfen, bis zu dem Moment, in dem wir geboren werden.

Wir werden uns weiterentwickeln. Ich kann hierfür keine Beweise anbieten, nur Metaphern, Glauben und einen Appell an Ihre Intuition. Hier ist ein Zeichen: Der Stillstand, der uns hoffnungslos und zynisch gemacht hat, ist vorbei. Das bedeutet nicht, dass wir uns zurücklehnen und auf unsere Befreiung warten sollen. Ganz im Gegenteil: Jetzt ist es an der Zeit, Ernst zu machen und zu handeln, als ob unser Leben davon abhinge.

Bei der Geburt leistet die Mutter den größten Teil der Arbeit, doch auch die Reaktion des Babys ist wichtig. Eine Lebendgeburt ist einfacher als eine Totgeburt. Das bedeutet nicht, dass das Leben ein Kampf ist. Meistens ist es das nicht, und es muss es auch nicht sein. Aber es gibt Zeiten des Kampfes, wenn der Keim durch die Erde stößt und wenn der Schmetterling aus dem Kokon schlüpft. Bald werden uns die Umstände aus unserer Komfortzone herausdrängen. Eine Komfortzone, die, wie der Mutterleib, lange Zeit ungemütlich war.

Stellen Sie sich vor, wie es ist, ein Baby im Geburtskanal zu sein. Sie sind einem aus Ihrer Sicht gigantischen Druck ausgesetzt. Die ganze Welt stürzt auf Sie ein. Sie haben keine Ahnung, was vor Ihnen liegt.

Nichts in Ihrem bisherigen Leben konnte die neuen Erfahrungen vorhersagen, die Sie erwarten: atmen, ausscheiden, gestillt werden, sehen, riechen. Dennoch spüren Sie in sich, selbst inmitten der Intensität des Prozesses, dass etwas auf Sie zukommt. So ist es auch mit dem menschlichen Kollektiv.

Dieses Wissen gilt — auch wenn es keine Garantie gibt, dass wir lebend geboren werden. Diese Ungewissheit trägt dazu bei, dass der Übergang real wird. Ein Neugeborenes empfindet ein ungeheures Gefühl der Erfüllung, eine Befriedigung, die den gesamten Körper erfasst, wenn es die schwierige Reise hinter sich gebracht hat. Das ist ein Grund, warum medizinisch unnötige Kaiserschnitte so schädlich sind. Sie berauben das Baby und die Mutter einer ursprünglichen, grundlegenden Leistung.

Das Bewegen und Dehnen des Babys im Geburtskanal ist genau das: das Streben nach Leben. Das ist das Leitprinzip unserer kollektiven Geburt. Es geht darum, dem Leben zu dienen, das Leben zu verehren und das Leben einzufordern. Es gibt eine ökologische Dimension — dem Leben im biologischen Sinne zu dienen —, und es gibt eine politische Dimension: das menschliche Leben von unterdrückenden Institutionen zurückzufordern. Es gibt den Willen zu überleben, ja, aber leben heißt nicht nur überleben. So viele von uns haben zu lange halb lebendig überlebt. Der Impuls unserer Geburt ist zu leben, als aktives Verb.

In was werden wir hineingeboren? Ich werde nicht versuchen, die Welt zu beschreiben, die die Menschheit am anderen Ende des Geburtskanals erwartet. Wenn Sie etwas darüber wissen wollen, können Sie sich auf Visionen, Ahnenerinnerungen und Zukunftsbesuche in der Gegenwart stützen, die die Form verschiedener goldener Zeitalter annehmen, von Gipfelerlebnissen, Friedenswundern, Vergebung und Großzügigkeit und utopischen sozialen Experimenten. Auch wenn sie gescheitert sind, zeigten sie, was dennoch möglich sein könnte. Diese Andeutungen sind wie die Geräusche, Stimmen und schwachen Lichterscheinungen, die den Fötus auf eine andere Welt hinweisen.

Es ist nicht wichtig zu wissen, wie die Welt jenseits des Geburtskanals aussehen wird. Es geht nur darum zu wissen, dass sie existiert und dass wir sie erreichen können. Der Gebärmutterhals ist geöffnet. Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels.

Charles Eisenstein , www.charleseisenstein.org