Schwarze Johannisbeere

Die Schwarze Johannisbeere

 

„Der Arzt der Zukunft wird man selbst sein.“

(Albert Schweitzer)

 

Die Herkunft der Roten und Schwarzen Johannisbeere liegt in Eurasien, die ältesten Relikte, nämlich Johannisbeersamen, wurden in Dänemark gefunden und stammen aus dem Mesolithikum, der Mittelsteinzeit nach der letzten Eiszeit. Die Heimat der Schwarzen Johannisbeere sind europäisch-asiatisch Waldgebiete der gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel. Oft kommt sie wildwachsend in Erlenbrüchen vor. Da die Johannisbeere nicht im Süden wächst, fehlt sie in der Literatur des Klassischen Altertums. Mittelalterliche Mönche prägten den lateinischen Begriff ribes in Anlehnung an ribás, der Bezeichnung einer Rhabarberart, die im Libanon und im Iran wächst. Der deutsche Name Johannisbeere beruht darauf, dass die ersten Beeren rund um den Johannistag am24. Juni reif werden. In manchen Gegenden heißt die Johannisbeere Gichtbeere, weil sie Gichtanfälle vorbeugt. In der Schweiz wird sie auch Träubli genannt, weil Johannisbeeren als Ersatz für Weintrauben dienten. In Frankreich nennt man Johannisbeeren Cassis nach der Cassia, einer ebenfalls leicht bittere Pflanze aus der Gattung der Zimtgewächse. Weitere deutsche Namen sind Fieberbeere und Gichttraube. Während man lange Zeit nur die wildwachsenden Johannisbeeren verwendete, begann man ab dem 11. Jahrhundert, sie vorerst in Klostergärten zu kultivieren. Die rote Johannisbeere wird in größerem Umfang seit dem 15. Jahrhundert, die schwarze Johannisbeere seit dem 16. Jahrhundert in Gärten gezogen. Besonders beliebt ist die schwarze Johannisbeere in Großbritannien. Im zweiten Weltkrieg förderte die Regierung den Anbau der Vitamin C-reichen Früchten, weil die Versorgung mit Zitrusfrüchten immer schwieriger wurde. Die schwarzen Johannisbeeren sind den roten oder weißen von den Inhaltsstoffen her und vom medizinischen Standpunkt aus überlegen. Besonders gesund sind die dunklen Farbstoffe oder Anthozyane, aber auch der hohe Vitamin C-Gehalt der Beeren. Heilkräftig sind auch die Blätter der Schwarzen Johannisbeere.
Die schwarze Johannisbeere Ribes nigrum ist ein sommergrüner stachelloser Strauch und erreicht bis zwei Metern Höhe. Sie verströmt im Gegensatz zur roten oder weißen Johannisbeere einen intensiven Geruch. Die Blätter werden bis zu zehn Zentimeter breit und bilden drei bis fünf Lappen mit gezähntem Rand. Oberseits sind sie kahl, unterseits behaart und mit zahlreichen gelblichen Drüsen ausgestattet. Im April und Mai hängen die behaarten Blüten in Trauben von den Zweigen. Die Blütenstände bestehen aus gelblich-grünen, am Rand braun-rot oder magenta gefärbten Blüten, aus denen sich die charakteristischen tiefschwarzen Beeren entwickeln, die bis zu einem Durchmesser von zwölf Millimetern groß werden.
Alle Pflanzenteile der schwarzen Johannisbeere sind heilkräftig und wurden daher bereits in der Volksmedizin verwendet. Hildegard von Bingen schätzte die Heilkraft von Beeren und Blättern und empfahl sie zur Behandlung hauptsächlich von Gicht, Rheuma, Harnwegserkrankungen sowie zur Entgiftung und nutzte die Blätter der Pflanze für Aufgüsse und Salben. Sie schätzte außerdem ihre Fähigkeit, die Wirkung anderer Heilpflanzen zu verstärken. Die Beeren sind mit 180 Milligramm pro 100 Gramm besonders Vitamin C-haltig und wurden von unseren Vorfahren getrocknet als Vitaminquelle im Winter genutzt. Der Saft aus reifen schwarzen Johannisbeeren wird bei Rheuma und Gicht, Husten, Keuchhusten, Heiserkeit und Entzündungen im Mund- und Rachenbereich eingesetzt. Ein Aufguss junger Wurzeln wird seit alters her zur Behandlung von Fieber verwendet. Ein Rindenabsud hilft bei Nierensteinen, Ödemen und Hämorrhoiden. Johannisbeerblätter ergeben einen schmackhaften Tee, der in der Volksmedizin gegen chronische Venenerkrankungen, Rheuma, Wassersucht, Arthrose, Durchfall, Arthritis, Gicht, Harnseiten, Erkältungen, Husten und Migräne verabreicht wird. Bei leichtem Durchfall wurden und werden auch fermentierte Blätter eingesetzt, die ein vorzügliches Aroma aufweisen. Auch äußerlich wurden die Blätter der schwarzen Johannisbeere zur Behandlung von Wunden verwendet.
Schwarze Johannisbeeren sind „Topp“, was bioaktive Substanzen und antioxidatives Potential betrifft, und zum Beispiel Blaubeeren, roten Johannisbeeren, Kirschen und Pflaumen weit überlegen (vgl. „Zusammensetzung der Polyphenole und die biologische Wirkung von sechs ausgewählten kleinen dunklen Früchten“, Lebensmittelchemie Jahrgang 391, 15. Oktober 2022). Die Früchte der schwarzen Johannisbeere enthalten drei Mal so viel Vitamin C wie die gleiche Gewichtsmenge Zitronen und sind mit 177 Milligramm Vitamin C auf 100 Gramm wahre Vitamin-C-Bomben. Nur 56 schwarze Johannisbeeren decken den Tagesbedarf. Die Flavonoide in der Frucht schützen vor Oxidation, halten Herz und Gefäße gesund, wirken der Entwicklung verschiedener Krebsarten entgegen und harmonisieren den Blutzuckerspiegel. Anthozyane, blaue Farbstoffe, wirken entzündungshemmend, lösen Ablagerungen in den Arterieninnenwänden auf, fördern den Knochenaufbau, beugen Thrombosen und Arteriosklerose vor und wirken antibakteriell und antiviral gegenüber pathogenen Bakterien und Viren. Sogar der Presskuchen aus der Saftgewinnung hat antivirale Eigenschaften (vgl. „Enzymgestützte Extraktion von Anthocyanen und anderen phenolischen Verbindungen aus der schwarzen Johannisbeere (Ribes nigrum L.) Presskuchen: Von der Verarbeitung bis zur Bioaktivität“, Lebensmittelchemie, Jahrgang 391, 15.10. 2022). Schwarze Johannisbeeren enthalten das Zehnfache an Anthozyanen wie rote Johannisbeeren.
Schwarze Johannisbeeren sind eine hervorragende Quelle von Vitamin E, 700 Gramm würden den Tagesbedarf decken. Sie enthalten viel Calcium, Kalium, Magnesium und haben nur 40 Kilokalorien pro 100 Gramm. Beeren der schwarzen Johannisbeere verbessern kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis, indem sie die Aktivität von MAO-B hemmen, einem Enzym, das für den Abbau von Neurotransmittern wie Dopamin und Serotonin verantwortlich ist.
Wussten Sie, wie gesund die Blätter der schwarzen Johannisbeere sind? Das therapeutische Potenzial der Blätter ist durch die hohe antioxidative Aktivität der Blätter-Polyphenole, vor allem der Flavonolglykoside, um rund ein Drittel höher als das der Beeren. Die Blätter der schwarzen Johannisbeere enthalten bis zu 1,2 Prozent Flavonoide, bioaktive Substanzen, darunter besonders viel Quercetin und Kämpferol, aber auch Myricetin. Kämpferol als auch Myricetin besitzen antibakterielle und antientzündliche Eigenschaften. In den Blättern finden sich weitere Polyphenole wie oligomere Proanthocyanidine oder OPC, das sind Flavanole, die man auch von den Schalen und Kernen der dunkelblauen Weintraube her kennt. Diese Vorstufen von Gerbstoffen dienen als UV-Schutz und sind kraftvolle Antioxidantien, die Krebszellen in Schach halten und Alterungserscheinungen verlangsamen. OPC gehören zu den stärksten Fängern freier Radikale überhaupt, ihr antioxidatives Potential ist 20-Mal höher als das von Vitamin E und 50-Mal so hoch wie das von Vitamin C (vgl. Barbara Simonsohn, „Traube und Weinrebe“, Mankau 2023, S. 54). Die Blätter der schwarzen Johannisbeere enthalten außerdem ätherische Öle aus Mono- und Sesquiterpenen und Phenolcaronsäuren wie Kaffeesäuren, die allesamt antioxidative Eigenschaften aufweisen. Ihre Anthozyane wirken gefäßprotektiv, sie schützen also die Gefäße, was auch für die Herzgesundheit wichtig ist.
Die Samen der schwarzen Johannisbeere stecken voller Omega-3-Fettsäuren. Aus Omega-3-Fettsäuren werden Eicosanoide, hormonähnliche Botenstoffe gebildet, die Entzündungen hemmen, die Blutgefäße und damit auch das Herz schützen sowie bei rheumatoider Arthritis und Gelenkkapselentzündungen helfen. Weiter findet sich Lecithin und beta-Sitosterol im Johannisbeer-Samenöl. Lecithin ist wichtig für die Bildung von Nervenzellen und für ein gutes Gedächtnis, und beta-Sitosterol senkt einen zu hohen Cholesterinspiegel und stärkt die Blasenmuskulatur. Das Samenöl der schwarzen Johannisbeere stärkt das Immunsystem. Frauen, die während der Schwangerschaft Johannisbeer-Samenöl erhalten hatten, hatten mehr Interferon gamma in der Muttermilch als die Vergleichsgruppe. Interferon gamma ist eine Signalsubstanz, die bei der Immunantwort und Bekämpfung von Infektionen eine zentrale Rolle einnimmt.
Auch die Knospen der schwarzen Johannisbeere sind gesund und spielen eine zentrale Rolle in der Gemmo- oder Knospentherapie. Das Mazerat der Blattknospen dient zur Behandlung von Allergien und Entzündungen sowie Vergiftungen und wirkt neuroprotektiv (vgl. Timea Teglas u.a., „Moleküle“, 19. April 2023; 28(8):3571). Die Inhaltsstoffe der Blattknospe stärken die Nebennierenrinde, die wichtige Hormone produziert. Chanel Nummer 5 enthält das ätherische Öl der Blütenknospen, was eine euphorisierende und aphrodisierende Wirkung besitzt. Das ätherische Öl regt die Produktion von Endorphinen und Encephalinen an, Botenstoffen, die schmerzlindernd und stimmungsaufhellend wirken. In der Aromatherapie wird das ätherische Öl der schwarzen Johannisbeere bei Stress, drohendem Burnout und depressiven Verstimmungen angewendet. Das ätherische Öl fördert die Noradrenalinsynthese, wodurch Antriebsschwäche und schwacher Immunabwehr entgegengewirkt werden.

Barbara Simonsohn, www.barbara-simonsohn.de